Liberale Revolution 1848/49 und ihre Folgen

Im März 1848 brachen in verschiedenen deutschen Städten als Folge der Februar-Revolution 1848 in Frankreich Unruhen aus. Daraufhin beriefen die Fürsten zumeist liberale Minister, was zur Zuversicht vieler Liberaler führte, ihre Ziele nun bald zu erreichen.

Die verfassungsgebende Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche verabschiedete schließlich nach monatelangen Beratungen bis März 1849 die erste gesamtdeutsche demokratische Verfassung mit einem besonderen Grundrechtsteil, der auch heute noch Vorbildlichkeit beanspruchen kann. Diese Grundrechte wurden als über- oder vorstaatliche Rechte betrachtet, die dem Menschen von Natur aus zustehen und ihm nicht mehr genommen werden können. Der Individualismus der Liberalen - die Überzeugung von der Unabhängigkeit und dem rationalen handeln einer Person - drückte sich hierin prägnant aus. Die Menschheit würde sich insgesamt zu einem Höheren und Besserem entwickeln, ließe man diesem Individualismus nur freie Bahn auf der Basis von Besitz und Bildung.

Der Grundrechtskatalog der Paulskirchenverfassung sollte den liberalen Rechtsstaat sichern. Durch die Gleichheit eines jeden Bürgers vor dem Gesetz wurden die bisherigen ständischen Vorrechte abgelöst. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wurde ein einheitliches „Reichsbürgerrecht” geschaffen. Es garantierte die Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit.

Ebenso wurde die Vereinigungs-, die Versammlungs- und Pressefreiheit gesichert.

Die Verfassung enthielt zwei weitere wichtige liberale Grundüberzeugungen: Sie garantierte die Freiheit und Rechtssicherheit des Individuums gegenüber dem Staat. Die Trennung von Staat und Kirche machten Religion und Glaube zur Privatsache des einzelnen. Nach liberaler Überzeugung waren Rationalität, Vernunft und Individualismus einerseits und religiöse Bindungen andererseits Gegensätze.

Die 585 Abgeordneten (mit Stellvertretern 830) gehörten zumeist politischen Klubs an, die parteiähnliche Gruppierungen darstellten. Am schnellsten organisierte sich die demokratische Linke. Auf der Rechten gab es eine konservative Gruppe, der größte Teil der Abgeordneten rechnete sich der liberalen Mitte zu. (Sitzordnung)

Die Revolution scheiterte, und die Macht der Fürsten nahm wieder zu.  In Deutschland blieben bis 1918 die Ergebnisse der Paulskirchenberatungen  trotzdem Richtlinie für die demokratischen und liberalen Bestrebungen, denn sie stellten in vielerlei Hinsicht den Höhepunkt des Liberalismus in Deutschland im 19. Jahrhundert dar.

Zu einer Epoche der Reaktion mit polizeistaatlichen Unterdrückungsmethoden gegen Kritiker der Fürstenherrschaft wurde das Jahrzehnt nach 1849. Dennoch blieben viele liberale Elemente bestehen, die wirtschaftliche Basis des Liberalismus vergrößerte sich sogar zusehends. Die vielen Unternehmensgründungen in Preußen seit den fünfziger Jahren zeugten davon.

Selbst die 1850 in Kraft gesetzte, gegenüber der 1849-er Reichsverfassung als reaktionär verschrieene „Verfassungsurkunde für den Preußischen Staat” enthielt eine Reihe von Grundrechten sowie gesetzgebungs- und Haushaltsbefugnisse für die beiden Kammern des preußischen Parlaments.